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Rückblick BrainDance:
„Zwischen Erinnern und Vergessen.
Kulturelles Gedächtnis, quo vadis?“
23. 09. 2005 Hotel Steigenberger Frankfurter Hof
 

Tanz und Rhythmus aus der Großhirnrinde
    
von Ottmar E. Gendera

Carla Pulvermacher, eine junge argentinische Tänzerin an der Frankfurter Hoch-schule für Musik und Darstellende Kunst, bereitet sich in der Maske im Hotel Steigenberger Frankfurter Hof auf ihren neuesten Bühnentanz vor. Zwischen ihren hochgesteckten Haaren sind nicht nur Haarnadeln und Spangen platziert, sondern es schauen auch einige Kabel hervor, die kunstvoll mit der Frisur verwoben sind – und von Elektroden einer EEG-Schnittstelle stammen, die an ihrer Kopfhaut befestigt sind. Sie ist eine der ganz wenigen Tänzer und Tänzerinnen weltweit, die die Musik für ihren Vortrag nicht von CD, Schallplatte oder Orchester vorgespielt bekommen, sondern selber aus dem Inneren ihres Kopfes generieren. Beim Braindance wird zum Tanz der Klänge aus der Großhirnrinde gebeten. Für das Frankfurter Kultur Komitee e: V. ein Grund, im Rahmen des sechsten Salongespräches zum Thema Kulturelles Gedächtnis etwas genauer auf dieses Kunstprojekt zwischen moderner Hirnforschung und modernem Tanz zu schauen. Sehr zum Interesse von rund 120 geladenen Gästen, die die Hessenpremiere von Braindance miterleben konnten.

Unser Gehirn schläft nicht: auch wenn „wir“ schlafen, ist unser Denkorgan hellwach, verarbeitet ständig Geschehenes, schaltet auf bestimmte Rhythmen um, die uns entspannen lassen. Alpha- oder Deltawellen treten in den Vordergrund, ein Wechselspiel der so genannten „Langsamen Hirnpotenziale“ beginnt, die auch sonifiziert, hörbar gemacht werden können.

Mit einer solchen Sonifizierung von Hirnpoten-zialen arbeitet der Physiker Dr. Thilo Hinterberger vom Tübinger Institut für Medizinische Psychologie und Verhaltensneurobiologie seit einigen Jahren. Und hat ein Gerät entwickelt an der Schnittstelle zwischen Gehirn und Computer, ein „Thought-Translation-Device (TTD)“, eine Gedankenübertragungs-maschine also. Solch eine Schnittstelle kann zum Beispiel Epileptikern helfen, über ein Neurofeedback aufkommenden Anfällen bewusst entgegen zu steuern. Oder Menschen mit schwersten Muskellähmungen, so genannten „Locked-In“- Patienten, über die Steuerung ihrer noch intakten Gehirnsignale die Möglichkeit zu geben, mit ihrer Umwelt zu kommunizieren: via EEG-Schnittstelle, Computer und Internet.

Thilo Hinterberger gehört zur Forschungsgruppe um den Neurobiologen Prof. Niels Birbaumer, dessen BCI-Projekte weltweit zum Spektakulärsten gehören, was menschliche Gehirne und Computer miteinander anstellen können. BCI – Brain-Computer-Interfaces – können nicht nur den Alltag von schwerstgelähmten Patienten durch neuronale Steuersignale erleichtern, sondern steuern längst auch zum avantgardistischen Kulturgeschehen bei. Mit den Vorgängen im eigenen Gehirn zu kommunizieren, also eine bewusste Interaktion mit den Hirnsignalen aufzunehmen, darum geht es bei den medizinischen wie den künstlerischen Anwendungen der Gedankenübertragungsmaschine aus Tübingen.

Klangkunst aus dem Gehirn findet weltweit immer mehr Interesse, die „Sonifizierungsszene“ kriecht aus ihren Forschungslabors auf die Theaterbühne. Psychofonische Konzerte erfreuen nicht mehr nur Insider der Szene. 2004 durfte Thilo Hinterberger an der renommierten Oper im australischen Sydney sein System zur Erzeugung von Gehirnmusik im Rahmen eines „Brainmusic“-Festivals vorstellen, mit polyrhythmischen Kompositionen aus dem Cortex. Die Software für seine Kunstperformance entwickelte er zusammen mit einem der Wegbereiter der Hirnmusik – Gerold Baier aus Mexiko, Autor des Buches „Rhythmus – Tanz im Körper und Gehirn“.

Auf Brainmusic folgt Braindance: die Klänge aus der Großhirnrinde können genauso gut akustisch die Bewegungen von Tänzern beschwingen – choreografiert oder improvisiert. Mit einem tragbaren EEG-Verstärker – der die Tänzer vom „Kabelsalat“ befreit - ist das möglich. Die Hirnsignale werden dann über eine MIDI-Klangsoftware in konzertante Klänge verwandelt. „Die Tänzerin ist sogleich auch die Musikerin, denn sie erzeugt in ihrem Gehirn, was wir quasi zeitgleich hören. Ich bin der Dirigent, der den Einsatz der Instrumente, die verschiedenen Hirnsignale, auswählt“, sagt der experimentierfreudige Physiker Thilo Hinterberger.

Der wohl interessanteste Aspekt dabei ist sicher die Möglichkeit, in ein Neurofeedback der Tänzer mit ihren eigenen Bewegungen einzutreten, in eine Resonanzebene mit dem sensuellen Erleben auf akustischer und motorischer Ebene: „Ich höre, was ich fühle, wenn ich tanze“. Mehr als ein neues Hörerlebnis ist das also, denn zu den Rhythmen des eigenen Gehirns zu tanzen ist sicher eine ganz besondere Erfahrung, die die Allerwenigsten je gemacht haben.

Modernste Hirnforschung macht´s möglich, in die Innenwelt unseres Denkorgans zu lauschen. Ob allerdings das Ausspielen einer vorgestellten Lieblingsmelodie über ein solches Brain-Computer-Interface jemals möglich sein wird, steht noch in den Sternen. „Das ist alles Zukunftsmusik“, sagt der Frankfurter Neurophysiologe Prof. Dr. Wolf Singer, „wir sind heute schon froh, wenn wir Hirnsignale in sinnvolle Bewegungen umsetzen können – und so Patienten helfen“.

Für Carla Pulvermacher ist Braindance jedenfalls eine ganz einzigartige Bühnenerfahrung, die auch ihre Sinne für die selbst produzierten Klänge sensibilisiert. „Manchmal fühlt es sich an, als würden die Klänge wirklich aus meinen Bewegungen nach außen fließen, durch Arme und Hände – ganz anders als Musik von einem Klavier“, sagt die junge Tänzerin aus Frankfurt. Sich anzuhören, was unser Gehirn gerade tut, ist sicher mehr als eine künstlerische Option auf zukünftige Entwicklungen in der Hirnforschung. Es zeigt auch, wie faszinierend das Zusammenspiel zwischen Bewegungen und Gedanken und deren neuronaler Spiegelung im Gehirn zusammen wirken.

Weiter zu forschen an Braindance - diesem hochinter-essanten Kunstprojekt zwischen unserer Bewegung, dem Fühlen und den Klängen aus dem Inneren unseres Gehirns - wünschen sich alle Beteiligten, die dies bisher mit großem Aufwand in ihrer Freizeit machen – größtenteils auf eigene Kosten.

© 2005 Ottmar E. Gendera

 



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