Tanz und Rhythmus aus der Großhirnrinde
von Ottmar E. Gendera
Carla
Pulvermacher, eine junge argentinische Tänzerin an der
Frankfurter Hoch-schule für Musik und Darstellende Kunst, bereitet
sich in der Maske im Hotel Steigenberger Frankfurter Hof auf
ihren neuesten Bühnentanz vor. Zwischen ihren hochgesteckten Haaren sind
nicht nur Haarnadeln und Spangen platziert, sondern es schauen auch
einige Kabel hervor, die kunstvoll mit der Frisur verwoben sind – und
von Elektroden einer EEG-Schnittstelle stammen, die an ihrer Kopfhaut
befestigt sind. Sie ist eine der ganz wenigen Tänzer und Tänzerinnen
weltweit, die die Musik für ihren Vortrag nicht von CD, Schallplatte
oder Orchester vorgespielt bekommen, sondern selber aus dem Inneren
ihres Kopfes generieren. Beim Braindance wird zum Tanz der
Klänge aus der Großhirnrinde gebeten. Für das Frankfurter Kultur
Komitee e: V. ein Grund, im Rahmen des sechsten Salongespräches zum
Thema Kulturelles Gedächtnis etwas genauer auf dieses
Kunstprojekt zwischen moderner Hirnforschung und modernem Tanz zu
schauen. Sehr zum Interesse von rund 120 geladenen Gästen, die die
Hessenpremiere von Braindance miterleben konnten.
Unser Gehirn schläft nicht:
auch wenn „wir“ schlafen, ist unser Denkorgan hellwach,
verarbeitet ständig Geschehenes, schaltet auf bestimmte Rhythmen
um, die uns entspannen lassen. Alpha- oder Deltawellen treten in
den Vordergrund, ein Wechselspiel der so genannten „Langsamen
Hirnpotenziale“ beginnt, die auch sonifiziert, hörbar gemacht
werden können.
Mit
einer solchen Sonifizierung von Hirnpoten-zialen arbeitet
der Physiker Dr. Thilo Hinterberger vom Tübinger Institut
für Medizinische Psychologie und Verhaltensneurobiologie seit
einigen Jahren. Und hat ein Gerät entwickelt an der
Schnittstelle zwischen Gehirn und Computer, ein „Thought-Translation-Device
(TTD)“, eine Gedankenübertragungs-maschine also. Solch eine
Schnittstelle kann zum Beispiel Epileptikern helfen, über ein
Neurofeedback aufkommenden Anfällen bewusst entgegen zu
steuern. Oder Menschen mit schwersten Muskellähmungen, so
genannten „Locked-In“- Patienten, über die Steuerung ihrer noch
intakten Gehirnsignale die Möglichkeit zu geben, mit ihrer
Umwelt zu kommunizieren: via EEG-Schnittstelle, Computer und
Internet.
Thilo Hinterberger gehört
zur Forschungsgruppe um den Neurobiologen Prof. Niels Birbaumer,
dessen BCI-Projekte weltweit zum Spektakulärsten gehören, was
menschliche Gehirne und Computer miteinander anstellen können.
BCI – Brain-Computer-Interfaces – können nicht nur den
Alltag von schwerstgelähmten Patienten durch neuronale
Steuersignale erleichtern, sondern steuern längst auch zum
avantgardistischen Kulturgeschehen bei. Mit den Vorgängen im
eigenen Gehirn zu kommunizieren, also eine bewusste Interaktion
mit den Hirnsignalen aufzunehmen, darum geht es bei den
medizinischen wie den künstlerischen Anwendungen der
Gedankenübertragungsmaschine aus Tübingen.
Klangkunst aus dem Gehirn
findet weltweit immer mehr Interesse, die „Sonifizierungsszene“
kriecht aus ihren Forschungslabors auf die Theaterbühne.
Psychofonische Konzerte erfreuen nicht mehr nur Insider der
Szene. 2004 durfte Thilo Hinterberger an der renommierten Oper
im australischen Sydney sein System zur Erzeugung von
Gehirnmusik im Rahmen eines „Brainmusic“-Festivals vorstellen,
mit polyrhythmischen Kompositionen aus dem Cortex. Die
Software für seine Kunstperformance entwickelte er zusammen mit
einem der Wegbereiter der Hirnmusik – Gerold Baier aus
Mexiko, Autor des Buches „Rhythmus – Tanz im Körper und
Gehirn“.
Auf
Brainmusic folgt Braindance: die Klänge aus der
Großhirnrinde können genauso gut akustisch die Bewegungen von
Tänzern beschwingen – choreografiert oder improvisiert. Mit
einem tragbaren EEG-Verstärker – der die Tänzer vom „Kabelsalat“
befreit - ist das möglich. Die Hirnsignale werden dann über eine
MIDI-Klangsoftware in konzertante Klänge verwandelt. „Die
Tänzerin ist sogleich auch die Musikerin, denn sie erzeugt in
ihrem Gehirn, was wir quasi zeitgleich hören. Ich bin der
Dirigent, der den Einsatz der Instrumente, die verschiedenen
Hirnsignale, auswählt“, sagt der experimentierfreudige
Physiker Thilo Hinterberger.
Der wohl interessanteste
Aspekt dabei ist sicher die Möglichkeit, in ein Neurofeedback
der Tänzer mit ihren eigenen Bewegungen einzutreten, in eine
Resonanzebene mit dem sensuellen Erleben auf akustischer und
motorischer Ebene: „Ich höre, was ich fühle, wenn ich tanze“.
Mehr als ein neues Hörerlebnis ist das also, denn zu den
Rhythmen des eigenen Gehirns zu tanzen ist sicher eine ganz
besondere Erfahrung, die die Allerwenigsten je gemacht haben.
Modernste Hirnforschung
macht´s möglich, in die Innenwelt unseres Denkorgans zu
lauschen. Ob allerdings das Ausspielen einer vorgestellten
Lieblingsmelodie über ein solches Brain-Computer-Interface
jemals möglich sein wird, steht noch in den Sternen. „Das ist
alles Zukunftsmusik“, sagt der Frankfurter Neurophysiologe
Prof. Dr. Wolf Singer, „wir sind heute schon froh, wenn
wir Hirnsignale in sinnvolle Bewegungen umsetzen können – und so
Patienten helfen“.
Für Carla Pulvermacher ist
Braindance jedenfalls eine ganz einzigartige
Bühnenerfahrung, die auch ihre Sinne für die selbst produzierten
Klänge sensibilisiert. „Manchmal fühlt es sich an, als würden
die Klänge wirklich aus meinen Bewegungen nach außen fließen,
durch Arme und Hände – ganz anders als Musik von einem Klavier“,
sagt die junge Tänzerin aus Frankfurt. Sich anzuhören, was unser
Gehirn gerade tut, ist sicher mehr als eine künstlerische Option
auf zukünftige Entwicklungen in der Hirnforschung. Es zeigt
auch, wie faszinierend das Zusammenspiel zwischen Bewegungen und
Gedanken und deren neuronaler Spiegelung im Gehirn zusammen
wirken.
Weiter zu forschen an
Braindance - diesem hochinter-essanten Kunstprojekt
zwischen unserer Bewegung, dem Fühlen und den Klängen aus dem
Inneren unseres Gehirns - wünschen sich alle Beteiligten, die
dies bisher mit großem Aufwand in ihrer Freizeit machen –
größtenteils auf eigene Kosten.
© 2005 Ottmar E. Gendera
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