Ein Abend, der in Erinnerung bleiben wird
„Die
Angst vor einem Verlust des Gedächtnisses, sei er individueller
oder kollektiver Art, zieht sich quer durch die ganze
Menschheitsgeschichte.“ - „Unser Problem ist, dass es heute sehr
viel mehr zu erinnern, aber auch zu vergessen gibt als je
zuvor.“ - „Ohne eine bessere Pflege unseres kulturellen
Gedächtnisses laufen wir Gefahr, zu ahnungslosen Unheilstiftern
zu werden.“ Mit Aussagen wie diesen gingen die Teilnehmer
beim sechsten Atelier- und Salongespräch des Frankfurter
Kultur Komitee e.V. rasch in medias res. Zwischen
Erinnern und Vergessen: Kulturelles Gedächtnis, quo vadis?
lautete das Thema des Abends, und die rund 120 Besucher erlebten
eine oft recht kontroverse und damit umso spannendere
Podiumsdiskussion.
Unter
der Moderation von Dr. Regina Oehler,
Wissenschaftsredakteurin beim Hessischen Rundfunk, waren auf
der Bühne des Ballsaals im Hotel Steigenberger Frankfurter
Hof drei namhafte Fachleute zusammengetroffen. Die näherten
sich dem Sujet indes - und das gab dem Disput eine gewisse Dosis
Zündstoff - aus ganz unterschiedlichen Richtungen. Prof. Dr.
Wolf Singer, Direktor des Max-Planck-Instituts für
Hirnforschung in Frankfurt am Main, erläuterte die
neuronalen Mechanismen, die Gedächtnisvorgängen zugrunde liegen.
Prof. Dr. Marianne Leuzinger-Bohleber, stellvertretende
Direktorin des Sigmund-Freud-Instituts in Frankfurt am
Main, argumentierte aus psychoanalytischer Perspektive. Und
Dr. Manfred Osten, Generalsekretär der Bonner
Humboldt-Stiftung a. D., hatte sich bereits vorab mit einem
historischen Abriss zu Wort gemeldet: Das geraubte
Gedächtnis. Digitale Systeme und die Zerstörung der
Erinnerungskultur. Eine kleine Geschichte des Vergessens
lautet der apokalyptisch klingende Titel seiner jüngsten
Buchveröffentlichung.
Manfred
Osten blieb seiner von dunklen Vorahnungen geprägten Sichtweise
denn auch treu – unter anderem, indem er, wenngleich mit einem
Augen-zwinkern, Karl Kraus zitierte: „Optimismus ist nichts
anderes als ein Mangel an Information.“ Die Befürchtung des
promovierten Juristen: Unser kulturelles Gedächtnis sei
der heutigen Daten- und Informationsflut nicht mehr gewachsen
und die schwindende Nachhaltigkeit digitaler Systeme reiße
zusätzliche, gefährliche Lücken ins kollektive
Erinnerungsvermögen.
Marianne
Leuzinger-Bohleber mochte diesen Kulturpessimismus nicht
unbe-dingt teilen, riet aber ebenfalls zur Wachsamkeit: Auf
individueller Ebene könne Verdrängtes, der Erinnerung nicht mehr
Zugängliches zu krankhaften Symptomen führen und Parallelen
zwischen Mikro- und Makrokosmos seien hier nicht zu leugnen.
Doch den denkbaren Umkehrschluss, dass Erinnerung in jedem Falle
etwas rein Positives sei, stellte Wolf Singer sogleich in Frage.
Eine absolute und hundertprozentig korrekte Erinnerung könne es
nicht geben, konstatierte er, weder auf den Einzelnen noch auf
die Menschheit bezogen. Das Gedächtnis werde schon aus
physiologischen und psychologischen Gründen immer wieder
verfälscht: „Wir glauben, uns an Dinge zu erinnern, die so
nie stattgefunden haben.“ Selbst die Linguistik komme hier
mit ins Spiel, denn „unsere Sprache verändert sich im Laufe
der Zeit, und mit ihr die Bedeutung von Begriffen, mit denen wir
Geschehenes beschreiben.“ Im Übrigen bezögen sich auch
sinistre Ideologen oft auf weit Zurückliegendes, auf historische
Fakten oder Überlieferungen, um ihr Weltbild zu untermauern.
Womit Manfred Osten die Kraft seiner Argumente freilich nicht
geschmälert sah: „Barbarei resultiert letzten Endes aus der
Nichterinnerung des Vorzüglichen.“
Offenbar gebe es in der
Runde beträchtliche Unterschiede in den Auffassungen der
Begriffe Gedächtnis und Erinnerung, besonders, wenn sie mit dem
Adjektiv „kulturell“ versehen seien, stellte Wolf Singer im
Laufe der Auseinandersetzung fest. Was Marianne
Leuzinger-Bohleber jedoch nicht verdross: „Wir leben in einer
Zeit, in der zwischen verschiedenen wissenschaftlichen
Fachrichtungen ganz neue Brücken geschlagen werden, und das
finde ich faszinierend.“
Natürlich
gab es auch Punkte, in denen weitgehende Einigkeit bestand.
Etwa, wenn Wolf Singer die Rolle von Gefühlen, Affekten und
persönlichen Bezügen beim Abspeichern von Informationen
betonte: Erinnert werde vor allem das, was einmal in hohem Maße
bewusst war oder was in besonders eindrücklicher Weise erlebt
wurde. „Ein Grund mehr für uns, umzusteuern und das
erfahrungsbezogene Wissen gegenüber dem reinen Lernwissen zu
stärken“, meinte Manfred Osten. Und Marianne
Leuzinger-Bohleber fügte hinzu: „Wir müssen auch aufpassen,
dass uns die PISA-Diskussion nicht zu einer immer weiteren
Lernbeschleunigung verführt, bei der die Psyche der Kinder und
Jugendlichen nicht mehr mitkommt.“
Fragen nach pathologischen
Erinnerungsverlusten, sei es in Form von Amnesie oder
Krankheitsbildern wie Alzheimer, konnten als Randthema in der
Kürze der Zeit nur gestreift werden. In den Blickpunkt rückte
hier auch die aktuelle Arbeit an der Entwicklung von
Medikamenten, die dem Gedächtnis auf die Sprünge helfen sollen.
„Bis jetzt gibt es noch nichts wirklich Überzeugendes auf
diesem Gebiet“, berichtete Wolf Singer. Dass in absehbarer
Zeit eine wirkungsvolle „Erinnerungspille“ auf den Markt kommen
könnte, schloss er aber auch nicht aus. So hielten sich
Optimismus und Pessimismus bei dieser Tour d’Horizon zum Thema
Kulturelles Gedächtnis letztlich doch die Waage.
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