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Rückblick Podiumsdiskussion:
„Zwischen Erinnern und Vergessen.
Kulturelles Gedächtnis, quo vadis?“
23. 09. 2005 Hotel Steigenberger Frankfurter Hof
 

Ein Abend, der in Erinnerung bleiben wird

„Die Angst vor einem Verlust des Gedächtnisses, sei er individueller oder kollektiver Art, zieht sich quer durch die ganze Menschheitsgeschichte.“ - „Unser Problem ist, dass es heute sehr viel mehr zu erinnern, aber auch zu vergessen gibt als je zuvor.“ - „Ohne eine bessere Pflege unseres kulturellen Gedächtnisses laufen wir Gefahr, zu ahnungslosen Unheilstiftern zu werden.“ Mit Aussagen wie diesen gingen die Teilnehmer beim sechsten Atelier- und Salongespräch des Frankfurter Kultur Komitee e.V. rasch in medias res. Zwischen Erinnern und Vergessen: Kulturelles Gedächtnis, quo vadis? lautete das Thema des Abends, und die rund 120 Besucher erlebten eine oft recht kontroverse und damit umso spannendere Podiumsdiskussion.

Unter der Moderation von Dr. Regina Oehler, Wissenschaftsredakteurin beim Hessischen Rundfunk, waren auf der Bühne des Ballsaals im Hotel Steigenberger Frankfurter Hof drei namhafte Fachleute zusammengetroffen. Die näherten sich dem Sujet indes - und das gab dem Disput eine gewisse Dosis Zündstoff - aus ganz unterschiedlichen Richtungen. Prof. Dr. Wolf Singer, Direktor des Max-Planck-Instituts für Hirnforschung in Frankfurt am Main, erläuterte die neuronalen Mechanismen, die Gedächtnisvorgängen zugrunde liegen. Prof. Dr. Marianne Leuzinger-Bohleber, stellvertretende Direktorin des Sigmund-Freud-Instituts in Frankfurt am Main, argumentierte aus psychoanalytischer Perspektive. Und Dr. Manfred Osten, Generalsekretär der Bonner Humboldt-Stiftung a. D., hatte sich bereits vorab mit einem historischen Abriss zu Wort gemeldet: Das geraubte Gedächtnis. Digitale Systeme und die Zerstörung der Erinnerungskultur. Eine kleine Geschichte des Vergessens lautet der apokalyptisch klingende Titel seiner jüngsten Buchveröffentlichung.

Manfred Osten blieb seiner von dunklen Vorahnungen geprägten Sichtweise denn auch treu – unter anderem, indem er, wenngleich mit einem Augen-zwinkern, Karl Kraus zitierte: „Optimismus ist nichts anderes als ein Mangel an Information.“ Die Befürchtung des promovierten Juristen: Unser kulturelles Gedächtnis sei der heutigen Daten- und Informationsflut nicht mehr gewachsen und die schwindende Nachhaltigkeit digitaler Systeme reiße zusätzliche, gefährliche Lücken ins kollektive Erinnerungsvermögen.

Marianne Leuzinger-Bohleber mochte diesen Kulturpessimismus nicht unbe-dingt teilen, riet aber ebenfalls zur Wachsamkeit: Auf individueller Ebene könne Verdrängtes, der Erinnerung nicht mehr Zugängliches zu krankhaften Symptomen führen und Parallelen zwischen Mikro- und Makrokosmos seien hier nicht zu leugnen. Doch den denkbaren Umkehrschluss, dass Erinnerung in jedem Falle etwas rein Positives sei, stellte Wolf Singer sogleich in Frage. Eine absolute und hundertprozentig korrekte Erinnerung könne es nicht geben, konstatierte er, weder auf den Einzelnen noch auf die Menschheit bezogen. Das Gedächtnis werde schon aus physiologischen und psychologischen Gründen immer wieder verfälscht: „Wir glauben, uns an Dinge zu erinnern, die so nie stattgefunden haben.“ Selbst die Linguistik komme hier mit ins Spiel, denn „unsere Sprache verändert sich im Laufe der Zeit, und mit ihr die Bedeutung von Begriffen, mit denen wir Geschehenes beschreiben.“ Im Übrigen bezögen sich auch sinistre Ideologen oft auf weit Zurückliegendes, auf historische Fakten oder Überlieferungen, um ihr Weltbild zu untermauern. Womit Manfred Osten die Kraft seiner Argumente freilich nicht geschmälert sah: „Barbarei resultiert letzten Endes aus der Nichterinnerung des Vorzüglichen.“

Offenbar gebe es in der Runde beträchtliche Unterschiede in den Auffassungen der Begriffe Gedächtnis und Erinnerung, besonders, wenn sie mit dem Adjektiv „kulturell“ versehen seien, stellte Wolf Singer im Laufe der Auseinandersetzung fest. Was Marianne Leuzinger-Bohleber jedoch nicht verdross: „Wir leben in einer Zeit, in der zwischen verschiedenen wissenschaftlichen Fachrichtungen ganz neue Brücken geschlagen werden, und das finde ich faszinierend.“

Natürlich gab es auch Punkte, in denen weitgehende Einigkeit bestand. Etwa, wenn Wolf Singer die Rolle von Gefühlen, Affekten und persönlichen Bezügen beim Abspeichern von Informationen betonte:  Erinnert werde vor allem das, was einmal in hohem Maße bewusst war oder was in besonders eindrücklicher Weise erlebt wurde. „Ein Grund mehr für uns, umzusteuern und das erfahrungsbezogene Wissen gegenüber dem reinen Lernwissen zu stärken“, meinte Manfred Osten. Und Marianne Leuzinger-Bohleber fügte hinzu: „Wir müssen auch aufpassen, dass uns die PISA-Diskussion nicht zu einer immer weiteren Lernbeschleunigung verführt, bei der die Psyche der Kinder und Jugendlichen nicht mehr mitkommt.“

Fragen nach pathologischen Erinnerungsverlusten, sei es in Form von Amnesie oder Krankheitsbildern wie Alzheimer, konnten als Randthema in der Kürze der Zeit nur gestreift werden. In den Blickpunkt rückte hier auch die aktuelle Arbeit an der Entwicklung von Medikamenten, die dem Gedächtnis auf die Sprünge helfen sollen. „Bis jetzt gibt es noch nichts wirklich Überzeugendes auf diesem Gebiet“, berichtete Wolf Singer. Dass in absehbarer Zeit eine wirkungsvolle „Erinnerungspille“ auf den Markt kommen könnte, schloss er aber auch nicht aus. So hielten sich Optimismus und Pessimismus bei dieser Tour d’Horizon zum Thema Kulturelles Gedächtnis letztlich doch die Waage.


 



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