Der Weg der Tageszeitung in Europa

Rückblick

Papier ist ungeduldig und Informationen müssen zertifiziert werden

von Volker W. Grams, Rechtsanwalt und Verleger a.D. Frankfurter Neue Presse

Eine Revolution verändert die Medienwelt und der Revolutionär, der alles, was uns vertraut ist, umstürzt, heißt Internet. Sein rasantes Wachstum stellt das alte Geschäftsmodell der Zeitungsverlage mit insgesamt 8, 5 Mrd. € Umsatz im Jahre 2009 radikal in Frage. Leser und Anzeigenkunden der heute rund 350 Tageszeitungen in Deutschland gehen in immer rascheren tempo online. Allein im vergangenen Jahr büßten die Tageszeitungen 16 % ihres Werbeumsatzes ein bei einer schrumpfenden Zeitungsauflage von insgesamt knapp 25 Mio. Exemplaren täglich. Gegenwärtig nutzen bereits gut 2/3 aller Haushalte in Deutschland das Internet mit zunehmender Tendenz.

Das mobile Internet steht unmittelbar vor dem Durchbruch. Nichts unter dem Zeitungshimmel bleibt, wie es war. Um das Ausmaß des Wandels deutlich zu machen: Im Jahr 1984 wurden in den Vereinigten Staaten von Amerika täglich 63 Mio. Zeitungsexemplare verkauft; heute sind es weniger als 40 Mio. – ein Rückgang von rund 1/3 in gut 25 Jahren. Der Trend in Europa, Auch in Deutschland, ist ähnlich.

Vielleicht am alarmierendsten ist die Lage in Frankreich mit täglichen Gratiszeitungen, wie Métro oder 20-Minutes, die kostenlos verteilt werden und die etablierten Qualitätszeitungen, wie Le Monde, Figaro, Libération an Auflage inzwischen bei weitem übertreffen. In Frankreich wie in den USA ist der Niedergang der Qualitätspresse durch mangelnde Investitionen in anspruchsvollere Regional – und Lokalzeitungen beschleunigt worden.
Im Gegensatz dazu verfügt Deutschland bis heute über ein dichtes Netz hochwertiger Regionalblätter.

Blickt man auf die Lage der Zeitungen weltweit, dann ergibt sich ein anderes Bild als in Amerika und Europa. In manchen sich entwickelnden Ländern steigt die Auflage, etwa in Indien, wo vor allem die Regionalzeitungen zulegen. Im vergangenen Jahr kauften in über 210 Ländern dieser Welt insgesamt fast 500 Mio. Menschen jeden Tag eine Zeitung – ein historisches Hoch. Das ändert aber nichts an den bedrückenden Tendenzen in den Industrieländern des Westens. Sind sie vielleicht Vorboten für ein globales Siechtum der Zeitungen?

So schnell, meine Damen und Herren, werden die Zeitungen nicht aussterben. Noch sind es 49 Mio. Bürgerinnen und Bürger, die in Deutschland Tageszeitungen lesen, und das sind etwa 70 % aller Menschen im Alter über 14 Jahren. Unter den Jüngeren, das sind die 14 – 29 jährigen, liest im Schnitt jeder 2. eine Tageszeitung. Interessant dabei ist auch, dass rund 2,7 Mio. Ausländer eine deutsche Tageszeitung lesen. Dennoch: Die Herausforderungen vor denen wir stehen, sind dramatisch.

Eine gute Zeitung ist „ein Volk im Gespräch mit sich selbst“, zitierte der Economist den Schriftseller Arthur Miller. Was aber, wenn niemand mehr zuhört? Wenn nicht nur der kommerzielle Erfolg bedroht ist, sondern am Ende auch die vornehmste Aufgabe der Presse: den freien Informations- und Meinungsaustausch zu garantieren, der Voraussetzung einer jeden freien Gesellschaft ist! Könnte es sein, dass der Leserschwund das stolze Wort von der vierten Gewalt hohl erscheinen lässt, dass ein wichtiger Pfeiler unserer Demokratie zu bröckeln beginnt? Oder macht es keinen Unterschied, wenn das Gedruckte dem gesendeten Wort weichen muss? Biete das Netz der bürgerlichen Öffentlichkeit möglichweise eine bessere Teilhabe an den Angelegenheiten des Staates und der Gesellschaft an, ist es somit vielleicht sogar das demokratische Medium? Die Herausforderung für die Zeitungen jedenfalls ist real. Deutsche Jugendliche zwischen 12 und 19 Jahren wurden befragt, auf welche Medien sie am wenigsten verzichten könnten.
Die Antwort der Jungen: auf den Computer wollten 34% nicht verzichten, 21 % nicht auf das Internet, 18% nicht auf den Fernseher, 11% nicht auf den MP3-Player, 5% nicht auf das Radio, ebenfalls 5% nicht auf Bücher, gerade mal 3% nicht auf Zeitschriften und nur 2% sagten, am wenigsten können sie auf Zeitungen verzichten.
Bei den Mädchen sah es nicht viel anders aus: 21% wollten am wenigsten auf ihren MP3-Player verzichten, 19% auf den Fernseher, 17% auf den Computer, 16% auf das Internet, 10% auf das Radio, ebenfalls 10% auf Bücher, 4% auf Zeitschriften und nur 1% auf Zeitungen. Wir müssen also zur Kenntnis nehmen: das gedruckte Wort hat einen Gegner – das ist der junge Mensch. Wie kann man nun aber die jungen Leser wieder mehr für die Zeitung begeistern?
Vermutlich wird es nicht gehen, ohne sich an die veränderten Nutzungsgewohnheiten in unserer Gesellschaft anzupassen. Die Welt der jungen Menschen ist nun einmal digital geprägt – vom Computer über das Internetsurfen, Chatten und E-Mail-Versenden hin zu digitalen Endgeräten wie smarten I-Phones, I-Pads, Apps oder MP3-Playern usw.

Gegen diese Multimedia-Welt kommt die Zeitung von heute, auch wenn sie noch so bunt und boulevardisiert ist, jungen Menschen eher bieder und wie aus einer anderen Welt daher. Die Zeitung war einmal ein Produkt für alle Alters- und Bildungsgruppen gleichermaßen. Um diesen Anspruch auch in Zukunft zu erfüllen, muss sie die Kraft besitzen, sich von dem gedruckten Format in die digitale Angebotswelt weiter zu entwickeln. Hoffnungsträger der Branche könnten neu entwickelte Lesegeräte aus dem Hause Apple sein, die so genannten I-Pads. Dadurch hat das Publizieren auf elektronische Displays eine neue Dimension erreicht. „App“ heißt die neue Zauberformel. Das sind heruntergeladene themenbezogene kleine Programme und Anwendungen mit Service-Charakter, z.B. alles über Eintracht Frankfurt oder alle wichtigen Lokalnachrichten einer bestimmten Tageszeitung. Wie schnell die technische Entwicklung Strukturen und Lese- bzw. Informationsverhaltensweisen verändert, zeigt auch der bereits angesprochene Hinweis auf die Entwicklung des mobilen Internet. Erinnern wir uns: vor etwa 10 Jahren wurden die UMTS-Lizenzen vom Staat für fast 60 Mrd. DM versteigert und erst heute sind wir soweit, mithilfe dieser Technologie mobile Internetdienste über das Handy anzubieten. Dieser neuen Technologieschritt bedeutet dann auch das Aus für die gegenwärtig boomenden App-Angebote. So Kurzlebig können digitale Angebote sein. Dennoch sind die Zeitungsverlage gut beraten, sich intensiv mit allen neuen digitalen Vertriebsformen von Informationen jeglicher Art vertraut zu machen, um ihr publizistisches Know How, wie auch ihr Klassisches Geschäftsmodell „Vertriebserlöse und Werbung“ von der Papierwelt in das digitale Zeitalter zu übertragen.

„Die Zeitung der Zukunft ist digital“ schallt es aus dem Springer-Verlag. In Berlin hat Springer einen zentralen News-Room eingerichtet, wo Welt, Welt am Sonntag und Berliner Morgenpost samt der dazugehörigen Online-Ausgaben gemeinsam produziert werden. „Online first“ heißt die Devise bei Springer: hat eine der Zeitungen eine exklusive Story, dann steht sie nicht am nächsten Morgen im Blatt, sondern wird umgehend ins Netz gestellt. Das Problem dabei ist nur, dass für Online-Informationen heute nichts mehr bezahlt wird. Noch gilt die Erwartungshaltung, dass digitale Nachrichten gratis verfügbar sein müssen. Das ist der Tribut an die Informationsgesellschaft. Doch große Verlagshäuser denken bereits um und wollen den Gratistrend stoppen, allen voran der legendäre australische Zeitungsmogul Murdoch, der bereits angekündigt hat, künftig seinen Content nur noch entgeltlich zur Verfügung zu stellen.
Vielleicht wird es eines Tages auch eine Flat-Rate für redaktionell zertifizierte Zeitungsinhalte geben. Dies könnte zumindest der Weg sein, aus der kostenlosen Informationsfalle zu entkommen.
Lieber Zeitung als Internet! Dies hat eine jüngst durchgeführte Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach herausgefunden. Danach informieren sich 50 % der deutschen Gesamtbevölkerung aus der Zeitung und nur 16% aus dem Internet. Bei der Nutzungsdauer sieht es allerdings anders aus. Eine ¾ Stunde nutzt der Durchschnittsdeutsche heute das neue Medium und die Jüngeren deutlich mehr als die Älteren. Im Vergleich dazu liest der Durchschnittsdeutsche nur etwa 20 Minuten eine Tageszeitung. Man könnte daraus auch den Schluss ziehen, dass die Tageszeitung das schnellere kompaktere Informationsmedium ist. Nach dem Fernsehen, das insgesamt noch von den 69% aller Deutschen als Informationsquelle verstanden wird, ist die Tageszeitung das wichtigste Medium. Wenn es darum geht, sich über das aktuelle Tagesgeschehen zu informieren. Und Allensbach hat eine weitere wichtige Erkenntnis herausgefunden: Es wäre ein Trugschluss zu glauben, dass auf den Millionen von Webseiten auch die gleichen Inhalte aufgesucht werden, die die Tageszeitung ihren Lesern bietet. Unter den jüngeren Menschen sind es nur 10%, die ihre Informationen über das tagesaktuelle Geschehen aus dem Internet holen.

Mit anderen Worten: die jüngeren Menschen haben immer weniger Interesse an allgemeinen Informationen. Sie interessieren sich auch immer weniger für Politik und ideologische Konzepte. Der Zukunftsforscher Prof. Dr. Horst Opaschewski von der Universität Hamburg wagt für Deutschland 2020 folgende Prognose: Die Informationsgesellschaft bleibt eine Vision, wie die Wissensgesellschaft, die Bildungsgesellschaft, die Kulturgesellschaft und die Bürgergesellschaft UCH: Wir werden im Jahr 2020 wie bisher auch eine Leistungs- und Konsumgesellschaft und weniger eine Informations- und Wissensgesellschaft sein und die meisten Bürger werden lieber konsumieren als sich informieren. Das Internet wird das private Leben nicht revolutionieren, sondern nur optimieren helfen. Business to Consumer – Einkaufen per Internet wird ein nettes, kleines Zusatzgeschäft.

Die Zukunft gehört dem Kommunikationszeitalter. E-Communication bekommt eine größere Bedeutung als E-Commerce. Es zeichnet sich eine Wiederentdeckung des Gemeinsinns im Sinne von mehr Gemeinsamkeit und weniger Egoismus ab. Die Rückkehr der Verantwortung als Antwort auf Verunsicherungen und Vertrauensverlust, Verantwortungsbereitschaft (78%) hat bei den Deutschen wieder eine größere Bedeutung als Durchsetzungsvermögen (73%). Verantwortung wird zum Schlüsselbegriff für die Zukunft:

Gemeint ist Verantwortung füreinander, die Verantwortung für die Umwelt und die Verantwortung für das Wohl der kommenden Generationen. Gerade in einer tageslosen Zukunft, die weniger Ordnung, Verbindlichkeit und Rhythmus im Alltag anbietet, macht ein Orientierungsmedium wie die Tageszeitung grundsätzlich ein hervorragendes Angebot. Sie entwickelt einen Überblick und gibt Hoffnung, dass es etwas gibt, was die Welt im Innersten zusammenhält. Sie ist letztlich selbst Symbol dafür. Diese Stärke entwickelt kein anderes Medium im gleichen Umfang.
Gerade hat eine amerikanische Studie gezeigt, dass Bürger, die regelmäßig die Zeitung lesen, sich stärker in ihrer Gemeinde einbringen und Gemeinden mit einem hohen Anteil an Zeitungslesern mehr Bürgerengagement aufweisen als solche, in denen die Tageszeitung weniger verbreitet ist. Wir werden es erleben, dass mit der neuen technischen Kulturrevolution das Bedürfnisnach Navigation und nach Glaubwürdigkeit, nach Zuverlässigkeit und nach Überblick wächst. Die Tageszeitung muss die Führerschaft als Medium-Universum behalten, indem sie als Multi-Channel-Mediahaus möglichst alle Informationen komplett einsammelt, entsprechend schnell bearbeitet und auf unterschiedlichsten Ausgabekanälen in den unterschiedlichsten Formen und Technologien dem Leser anbietet. Diese Aufgabe, zentrale Führung durch die Informationslandschaft und Zusammenführung zu „Communities“ wird den Tageszeitungen wieder neuen Aufschwung geben mit einem Mix von Verwöhn Angeboten und Verdienprodukten.

Ich glaube an eine Renaissance der Tageszeitung mit gutem und zuverlässigem Journalismus – Seriosität, Service und Spaß heißt die Erfolgsformel für die Tageszeitung von Morgen. Eine gute Zeitung muss den Leser in den Bann ziehen wie eine Wundertüte mit überaschenden, spannenden und abwechslungsreichen Informationen und sie sollte ihren einzigartigen Vorteil gegenüber etwaigen Konkurrenzmedien noch stärker herausstellen: die Körperlichkeit, oder besser noch die Sinnlichkeit als humaner Fels zum Festhalten in der virtuellen Informationsbrandung. Sie hält fest, was wichtig ist und bewahrt den Leser vor einer Überdosis an Informationen. Sie recherchiert mit Gründlichkeit und Sachkenntnis, sie schafft Tiefe und Exzellenz, sie verschafft Überblick und bietet Einordnung und Hintergrund, sie engagiert sich als publizistischer Anwalt und übernimmt Verantwortung, sie kümmert sich direkt und unvoreingenommen um ihre Leserschaft – und nicht zu vergessen: regelmäßiges Lesen von Zeitungen korreliert mit beruflichen und gesellschaftlichem Erfolg und schafft damit für den Leser einen unmittelbaren persönlichen Nutzen und Mehrwert.

Nebenbei unterstützt dieses Medium auch den Erhalt einer unserer größten Kulturleistungen, nämlich die Lesefähigkeit, die in unserer Bilderwelt allmählich unterzugehen droht mit dramatisch negativen Folgen für unsere kognitiven Fähigkeiten, die Wirklichkeit zu verstehen und einzuordnen. Gerade Hirnforscher zählen deshalb – aus einem ganz anderem Grund – zu den glühendsten Anhängern der Zeitung. Und eine Gesellschaft die liest, ist auch eine Gesellschaft, die denkt. Und dies braucht unser Land mehr denn je.

Man stellte sich vor, es gäbe nur Internet, Fernsehen und Radio. Wenn da einer auf die Idee käme, die interessantesten News aus dem Netz zusammenzutragen, auf Papiere zu drucken, dem Leser bequem zum Frühstück zu servieren und das ganze „Zeitung“ zu nennen, das würde als tolle Innovation gefeiert. Deshalb bin ich davon überzeugt, dass die Tageszeitung als wegweisendes Leitmedium überleben wird.

Mit diesem positiven Ausblick will ich zum Schluss noch einige Gedanken auf Europa verwenden: Was können Zeitungen oder besser gesagt Medien für Europa tun? Ich gebe dazu nur einige Stichpunkte als Diskussionsbeitrag: Regelmäßige Publikation einer Europa-Seite – Print und online – auch als App-Angebot und später als mobile-Produkt. Bestandsaufnahme und regelmäßige Veröffentlichung sämtlicher bestehender EU-Förder-und Aktions-Programme. Bereitstellung von Europa-Portalen durch die nationalen Presse-Agenturen für alle Medien. Austausch von Leitartikeln in der jeweiligen Landessprache mit Unterstützung des EU-Übersetzungsdienstes aus Brüssel. Entwicklung und Publikation von europäischen Projekten unter Aufsicht von Brüssel. Europa-Feriencamps für Familien. Sprachkurse im Ausland. Jedes Mitgliedsland stellt ein „Landes-Porträt“ zusammen und publiziert dies in verschiedenen Sprachen in der gesamten EU. Das Projekt könnte lauten: „Europa stellt sich vor“, Europa-Magazin monatlich in verschiedenen Sprachen als zuverlässige Informationsquelle nach dem Vorbild „Deutschland“, ein Monatsmagazin der Bundesregierung für die gesamte Welt in über 20 Sprach-Ausgaben. Der Societätsverlag verlegt seit Jahrzehnten dieses Magazin und verfügt über solides Know how bei Gestaltung, Vertrieb und Werbung inkl. Übersetzungsdiensten. Schließlich sollte Brüssel einen ständigen Ausschuss berufen, der sich ausschließlich mit Fragen der Vermittlung des Europa-Gedankens beschäftigt und Leuchtturmprojekte entwickelt. Auch das Europa-Parlament könnte aktiviert werden für zusätzliche PR-Aufgaben. Damit wäre ein weiterer wichtiger Baustein für eine europäische Medien-Kultur und Kommunikation gelegt mit all den positiven Auswirkungen für einen nachhaltigen europäischen Frieden. Um Europa braucht es uns dann auch nicht bange zu sein.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit!

Frankfurt am Main, den 23.08.2010

Volker W. Grams
Rechtsanwalt
Verleger a.D. Frankfurter Neue Presse

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